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Alveolitis siccaEine Alveolitis sicca (von lat. alveolus âMuldeâ und siccus âtrockenâ; auch Dolor post extractionem oder dry socket) ist eine Komplikation nach einer Zahnentfernung, vor allem im Bereich der SeitenzĂ€hne des Unterkiefers, besonders nach der Entfernung der unteren WeisheitszĂ€hne, die typischerweise zwei bis vier Tage nach der Extraktion auftritt. Dabei kommt es zu einer EntzĂŒndung des knöchernen Zahnfaches (Alveole). Ursache ist ein Zerfall des Blutgerinnsels. Dieses schĂŒtzt die Alveole vor dem Eindringen von Keimen aus der Mundhöhle, bis die OberflĂ€che der Wunde mit Schleimhaut ĂŒberwachsen ist.
[Bearbeiten] Normale Wundheilung nach ExtraktionenDie regelrechte Wundheilung nach einer Zahnextraktion erfolgt als SekundĂ€rheilung. Dabei blutet die Alveole voll, es bildet sich ein Koagulum in der Alveole, dass nach einigen Tagen von einsprieĂenden Kapillaren durchblutet wird und sich ĂŒber ein Granulationsgewebe in ein Narbengewebe umwandelt. [Bearbeiten] Ursachen fĂŒr Alveolitis siccaDie normale Wundheilung wird verhindert, weil sich kein stabiles Koagulum in der Alveole bildet oder weil es wieder zerfĂ€llt. Es gibt verschiedene GrĂŒnde fĂŒr die Zerstörung des Koagulums. Der Blutpfropf schrumpft nach einigen Stunden etwas. Ist die ursprĂŒngliche Wunde groĂ, kann dadurch im Randbereich ein Spalt entstehen. In diesen dringen Bakterien ein und zersetzten das Blutgerinnsel. AuĂerdem wird der Pfropf durch starke chemische oder mechanische Reize angegriffen und zerfĂ€llt. Gelegentlich halten Patienten die gelbliche Fibrinschicht, welche sich nach einem Tag auf dem Gerinnsel bildet, fĂŒr eine Verunreinigung und versuchen, sie zu entfernen. Auch dadurch kann der Pfropf zerstört werden. Vorstellbar ist auch, dass das Koagulum mit dem Ausbisstupfer aus der Wunde gerissen wird, den der Patient nach der Extraktion fĂŒr einige Zeit im Mund hat. Bei schwacher Blutung aus der Extraktionswunde bildet sich eventuell kein Koagulum. [Bearbeiten] SymptomeDer freiliegende Knochen bedingt starke, ausstrahlende Schmerzen (lat. Dolor), die das Hauptsymptom sind und auch Namensgeber fĂŒr die Bezeichnung Dolor post extractionem (also: Schmerzen nach Zahnextrektion) sind. Auch Mundgeruch (lat. Foetor ex ore) kann auftreten. Trotz der EntzĂŒndung kommt es zu keiner Vereiterung oder Abszessbildung. Der Schmerz ist praktisch das einzige nennenswerte EntzĂŒndungszeichen. DafĂŒr tritt der Schmerz mit einer extremen StĂ€rke auf. Die Patienten können nachts nicht schlafen und sind wegen der Schmerzen wirklich krank. Schmerztabletten helfen wenig. Aus diesem Grund ist auch eine kurze Krankschreibung (ein bis zwei Tage) bis zum Anschlagen der Therapie gerechtfertigt. Bei der intraoralen Inspektion findet sich eine leere Alveole oder das zerfallene Blutkoagulum ist mehr oder weniger deutlich zu erkennen. [Bearbeiten] KrankheitsverlaufTypischerweise setzen die starken Schmerzen zwei Tage nach der Extraktion ein. Am Tag der Extraktion sind naturgemÀà einige Schmerzen nach dem Abklingen der LokalanĂ€sthesie zu spĂŒren. Normalerweise klingen diese Schmerzen am Folgetag deutlich ab und beginnen nach weiteren 24 Stunden wieder stĂ€rker zu werden, wobei sie sich innerhalb weniger Stunden bis ins UnertrĂ€gliche steigern. Der typische Krankheitsverlauf und die starken Schmerzen erlauben meist schon eine eindeutige Diagnose nach der Vorgeschichte. Diagnostische Schwierigkeiten ergeben sich bei besonders empfindlichen oder wehleidigen Patienten, wenn die starken Schmerzen bereits am Tag der Extraktion oder am Folgetag auftreten. Im Zweifelsfall werden auch diese Patienten wie bei einer Alveolitis sicca behandelt. Eine unbehandelte Alveolitis sicca klingt nach ein bis zwei Wochen qualvoller Schmerzen ab. In dieser Zeit wird der Knochen der freiliegenden Alveole von einer dĂŒnnen, schĂŒtzenden Schleimhaut ĂŒberwachsen. [Bearbeiten] DifferentialdiagnoseDifferentialdiagnostisch ist eine Osteomyelitis in Betracht zu ziehen, die aber Ă€uĂerst selten in Zusammenhang mit einer Zahnextraktion auftritt. Die Osteomyelitis tritt aber typischerweise als multipler Abszess mit multiplen Fisteln auf. Auch an eine iatrogene (durch den Arzt) bedingte Eröffnung der Kieferhöhle (Mund-Antrum-Verbindung) wĂ€hrend der Extraktion ist zu denken. Sollte diese nach der Extraktion eines oberen Seitenzahnes unentdeckt bleiben, weil etwa kein Nasen-Blas-Versuch nach der Extraktion durchgefĂŒhrt wurde, kann es zu einer EntzĂŒndung der Kieferhöhle kommen. Allerdings sind die dabei auftretenden Schmerzen gewöhnlich nicht so extrem. Im Zweifel kann man den Nasen-Blas-Versuch noch nachholen. Die schwierigste differentialdiagnostische Abgrenzung ergibt sich aus gewöhnlichen postoperativen Schmerzen nach der Zahnextraktion. Besonders bei empfindlichen oder wehleidigen Patienten ist die sichere Abgrenzung oft unmöglich. [Bearbeiten] Operative Entfernung der WeisheitszĂ€hneNach der operativen Entfernung eines Weisheitszahnes kommt es besonders bei den WeisheitszĂ€hnen des Unterkiefers hĂ€ufiger zu starken postoperativen Schmerzen im Sinne einer Alveolitis sicca. Dem kann eventuell durch primĂ€ren Wundverschluss vorgebeugt werden. Dagegen tritt nach der operativen Entfernung der oberen WeisheitszĂ€hne eine Alveolitis sicca nur extrem selten auf. Eine wahrscheinliche ErklĂ€rung ist die völlig unterschiedliche Knochenstruktur des Oberkiefers. Der Oberkieferknochen ist viel weicher (spöngiös) und viel besser durchblutet. Da er insgesamt ein gröĂeres Volumen hat, um die KrĂ€fte aufzunehmen, braucht er auch nicht so fest und kompakt zu sein, wie der Unterkieferknochen. Wegen seiner wesentlich geringeren Spongiosaanteile ist der Unterkieferknochen auch schlechter durchblutet. Da Heilungsprozesse und Abwehrprozesse im Wesentlichen von der Durchblutung abhĂ€ngen, liegt hierin die Hauptursache fĂŒr das hĂ€ufigere Auftreten der Alveolitis sicca im Unterkieferknochen. Das gleiche trifft fĂŒr die Osteomyelitis der Kiefer zu, die auch bevorzugt den Unterkieferknochen befĂ€llt. [Bearbeiten] Name der ErkrankungDer Name Alveolitis sicca betont den Ort (Alveole) und die Natur (EntzĂŒndung - â-itisâ) der Erkrankung. Der Zusatz âtrockenâ (sicca) deutet auf die leere Alveole (ohne Koagulum). Die direkte englische Ăbersetzung lautet folgerichtig: dry socket (trockene Alveole). Dagegen betont die Krankheitsbezeichnung Dolor post extractionem (Schmerz nach Extraktion) das Hauptsymptom - den Schmerz. In der Praxis wird meist salopp nur kurz von Dolor post gesprochen. Die Bezeichnung Postextraktionssyndrom lĂ€sst alle Möglichkeiten offen. Sie soll gebrĂ€uchlich sein, wenn eine begleitende Neuritis hinzukommt. Diese Unterscheidung ist allerdings nicht praxistauglich, da die Neuritis-Ă€hnlichen Schmerzen bei jeder typischen Alveolitis sicca auftreten. allerdings sind bei einer klassischen Neuritis die Schmerzen anfallsweise, wĂ€hrend sie bei der typischen Alveolitis sicca konstant stark sind. Eine weitere Bezeichnung ist Osteitis alveolaris (KnochenentzĂŒndung der Alveole). [Bearbeiten] Ursachen und RisikofaktorenDie genauen Ătiologie ist nicht bekannt. Vermutet wurden bestimmte Keime, besonders stark indizierte ZĂ€hne, traumatische oder schwere Zahnextraktionen. Interessanterweise ist die Erkrankungsrate nach Extraktionen durch Studenten der Zahnmedizin wesentlich höher, was auf einen gewissen traumatischen Faktor schlieĂen lĂ€sst. Das Risiko einer Alveolitis sicca kann durch Verzicht auf Nikotin, Koffein und mechanische Manipulation stark vermindert werden. [Bearbeiten] HĂ€ufigkeitDie HĂ€ufigkeit liegt bei einer GröĂenordnung von 1 %. Die Angaben zur HĂ€ufigkeit variieren allerdings stark, was fĂŒr eine gewisse AbhĂ€ngigkeit vom Behandler spricht. [Bearbeiten] VorbeugungVersucht wurde die Vorbeugung in verschiedenen Studien durch Gabe von:
Die Metaanalyse von 32 klinischen Studien (2004/2005) ergab, dass bei der Antibiotikagabe (acht Studien) die lokale Anwendung von Tetracyclinen im Rahmen der Alveolitisprophylaxe am effektivsten war - mit einer absoluten Risikoreduktion von 12-31 %, wĂ€hrend der systemische Einsatz von Antibiotika (Amoxicillin, Clindamycin oder Metronidazol) nicht so effektiv war. Ebenfalls effektiv war die lokale SpĂŒlung mit Chlorhexidin (5 Studien) - mit einer absoluten Risikoreduktion von 3-25 %. Als nicht effektiv hat sich eine prophylaktische Behandlung mit Antifibrinolytika, Diclofenac, Ibuprofen, TranexamsĂ€ure, Diflunisal, Codein, Dexamethason oder die Injektion mit LokalanĂ€sthetika erwiesen. Auch die Verwendung steriler Handschuhe zeigt keine prophylaktische Wirksamkeit. Da die routinemĂ€Ăige Antibiotikagabe zur Vorbeugung der nur gelegentlich auftretenden Alveolitis nicht praktikabel scheint (Resistenzbildung, Allergien, systemische ToxizitĂ€t), ist der nebenwirkungsarmen prĂ€- und postoperativen prophylaktischen ChlorhexidinspĂŒlung der Vorzug zu geben.[1] [Bearbeiten] BehandlungDie Behandlung besteht in einer chirurgische Revision in LokalanĂ€sthesie zur Beseitigung der Nekrosen und Schaffung frischer WundflĂ€chen (im AusrĂ€umen des zerfallenden Koagulums und Auskratzen der Alveole) Die LokalanĂ€sthesie ist erforderlich, da der freiliegende Knochen extrem schmerzhaft ist. AnschlieĂend wird entweder eine Tamponade eingelegt, welche mit desinfizierenden und schmerzstillenden Medikamenten getrĂ€nkt sein kann. Diese muss bis zur vollstĂ€ndigen Ausheilung regelmĂ€Ăig vom Zahnarzt gewechselt werden, um einer weiteren Infektion vorzubeugen. Oder es wird eine resorbierbare Paste mittels KanĂŒle direkt in die Alveole appliziert. In diesem Fall kann auf einen Gaze-TrĂ€gerstreifen und die anschliessende Wiederentfernung auch verzichtet werden. Eine systemische Antibiotikagabe ist nicht angezeigt - sie zeigt keine Wirkung. In leichteren FĂ€llen kann sich die Behandlung auf vorsichtiges Reinigen und SpĂŒlen des Wundgebiets ohne LokalanĂ€sthesie beschrĂ€nken. Besonders bei verschleppten BehandlungsfĂ€llen, wenn sich der Patient erst nach mehreren Tagen mit einer fast schon wieder abgeklungenen Alveolitis sicca zur Behandlung vorstellt, ist die radikale AusrĂ€umung und Anfrischung der Alveole nicht mehr indiziert, da die normale Wundheilung bereits eingesetzt hat und durch das AuskĂŒrettieren nur die weitere Wundheilung hinausgezögert oder um mehrere Tage zurĂŒckgeworfen werden wĂŒrde. Insgesamt kann sich die Wundheilung nach einer Alveolitis sicca ĂŒber mehrere Wochen hinziehen, bis der gesamte Knochen von der Seite her wieder mit Schleimhaut ĂŒberwachsen ist. Die akuten Beschwerden klingen allerdings bereits nach ein bis zwei medikamentösen Einlagen deutlich ab. Die Einlagen werden anfangs tĂ€glich gewechselt, spĂ€ter alle zwei bis drei Tage. Eine SpĂŒlung der gereinigten Alvole mit 3%igem Wasserstoffperoxid zwecks Reinigung durch Schaumbildung (mechanische Reinigung) und Einbringen von Sauerstoff ist ebenfalls angezeigt. [Bearbeiten] QuellenR.S.R. Buch et al.: Dolor post extractionem - Die lokale Therapie der Alveolitis mit medikamentösen Einlagen. zm 95, Nr. 20, 16. Oktober 2005, Seite 54-58 [Bearbeiten] Einzelnachweise
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